Ein paar Krähen stieben durch das Nebelwetter. Darunter, auf dem schwarzen Flachdach vor unserem Fenster, leuchtet grünes Moos. Gelbe Blätter bewegen sich noch im Wind. Die Krähen sind wieder verschwunden. Doch eine kehrt zurück und ein Spatz schlüpft wie selbstverständlich durch den engen Maschendraht, der vor den Fenstern gespannt ist, um Tauben fernzuhalten.
Es ist Mittwoch, den 5. November 2008, und gestern wurde Barack Obama zum Präsidenten der USA gewählt. Neben mir Klaus, mein 73jähriger Bettnachbar: er liegt auf dem Rücken und schnarcht und erholt sich von seiner Lumbalpunktion. Heute Nachmittag beginnt seine zweite Chemotherapie. Die erste war anscheinend zu schwach. Er litt an einer chronischen lymphatischen Leukämie, einer CLL, und sie ist wieder zurückgekehrt.
Wir befinden uns auf der Hämatologischen Abteilung des Universitätsklinikums Benjamin Franklin. Ich erhole mich von einer Pneumonie, die mit hohem Fieber einhergegangen war: Vier Tage fast immer über 40°C, nachts Schüttelfrost und allein zu Haus.
Jetzt fliegt ein ganzer Schwarm dieser munteren Krähen mit anarchistischer Fröhlichkeit durch das trübsinnige Novembergrau. Irgendwann muss ich mich in diese Vögel verliebt haben. Hier in Berlin sind es vor allem die Nebelkrähen. Sie sind zahm, frech und aufmerksam und so freundlich wie misstrauisch -- spielbverliebt, kreativ und schlau. In Bethnal Green, Ostlondon, waren es die schwarzen Rabenkrähen gewesen, die es mir angetan hatten. Jeden Morgen und jeden Abend, auf dem Weg zu meiner Arbeitsstätte und zurück, durchquerte ich den Victoria Park. Am komischsten fand ich immer ihr Seitwärtsgehüpfe, während sie mich, oder einander, scheinheilig und augenzwinkernd fixierten.
Kai hatte meine Aufmerksamkeit auf die Krähen gerichtet, am 29. Mai 1994, an einem Sonntag vor über 14 Jahren. Da sollte es noch fünf weitere Jahre dauern, bis ich nach London zog, in die Stadt der Krähen. Aber die Erinnerung an diesen Tag in all seinen Einzelheiten ist so deutlich, als wäre es gestern gewesen.
An diesem Sonntag befand ich mich, wie an den Tagen zuvor und auch noch am Tag danach, auf der Aids-Station des Auguste-Viktoria-Krankenhauses in der Friedenauer Rubensstraße, also auf der 30c. Es war die erste Zeit des Schöneberger Modells: Angehörige wurden bewusst in die Finalpflege mit einbezogen, und schwule Lebensgefährten waren ihnen jetzt gleichgestellt. Ich war Kais Freund. Einige kannten ihn als sie, als Saskia. Für mich war er Doktor Sumsi, oder auch schlicht Schatz.
Wir teilten uns dieses Krankenzimmer nun schon seit ungefähr einer Woche. Als Kai beschlossen hatte, die ihm aussichtslos erscheinende Behandlung abzubrechen, war Nikolaus, sein Bettnachbar, in ein anderes Zimmer verlegt worden, um für mich Platz zu machen. Werner, Kais Lieblingspfleger, der bei uns um die Ecke wohnte, hatte sogar die beiden Betten zusammengeschoben. Ich verließ das Krankenzimmer seitdem nur stundenweise, z. B. um Kai seine tägliche Portion Eis aus unserer Lieblings-Eisdiele am Innsbrucker Platz zu holen. Jeden Tag eine neue Kombination. Nicht um sie zu essen, sondern nur, um sie noch einmal zu probieren und sich an ihrem Geschmack zu freuen. Die letzte Kombination, eine für meinen Geschmack recht eigenwillige, war Zitrone-Schokolade.
Im Prinzip gab es nun also seit ungefähr einer Woche nur noch Morphium als Infusion, bei Bedarf angereichert durch Valium, tropfenweise elektronisch dosiert. Sowie Sauerstoff, direkt vom Schlauch aus der Wand in die Nase. Und dieser frühsommerliche Sonntagabend war sein letzer.
Vor ihm, in seinem direkten Blickfeld, ein fröhlich bunt gemusterter Frottee-Bademantel aus italienischer Produktion. Den hatte er mich kaufen geschickt, nachdem ihm seine Stiefmutter einen blau-grau-schwarz gestreiften klassischen Herren-Bademantel mitgebracht hatte, bei ihrem Besuch zu Pfingsten.
"Das Teil kannst Du lieber wieder mitnehmen – sowas steht mir gar nicht", sagte er der verdutzten Giesela, die es gut mit ihm gemeint hatte, ins Gesicht.
Und direkt am Tag nach ihrer Abreise schickte er mich einkaufen:
"Kauf den buntesten, den du findest. Egal, was er kostet."
Es dauerte mehrere Tage, bis ich einen Passenden gefunden hatte (er kostete mehrere hundert Mark). Aber der Aufwand hatte gelohnt, denn er fand Gnade vor Kais kritischem Auge. Nur konnte er ihn jetzt schon nicht mehr anziehen, denn er konnte nicht mehr aufstehen. Doch sehen wollte er ihn und seine Farben, so wie er das Eis schmecken wollte, und deshalb ließ er ihn direkt in Sichtweite vor sich auf einem Armstuhl ausbreiten.
Übrigens hat sich dieser Bademantel als haltbar erwiesen. Ich habe ihn seit 14 Jahren in Gebrauch. Er ist kaum verblichen, wie auch die Erinnerung an Kais Tod…
Vorgestern Abend sagte eine Krankenschwester zu mir:
"Einen schönen Bademantel haben Sie, Herr Klinker."
"Danke", antwortete ich lächelnd.
Zurück zu jenem Sonntagabend, als Kai mich fragte:
"Claus, ergibt das eigentlich alles noch einen Sinn, was ich sage? Bin ich noch klar?"
"Du meinst wegen den Schmerzmitteln?"
"Ja."
"Natürlich ergibt alles Sinn, was Du sagst, Mann!" flüsterte ich.
"Aber wenn ich anfange, komische Sachen zu sagen, sagst Du mir Bescheid – versprichst Du?"
"Okay, ich versprech."
"Weil dann höre ich nämlich auf zu reden..."
Und nach einer Pause fuhr er fort:
"Du, Claus, ist dir das auch schon mal aufgefallen? Dass es in der Nähe von Krankenhäusern immer so viele Krähen gibt? Mehr als woanders?"
Nein, das war mir neu. Ich hatte auch noch nie Grund gehabt, darauf zu achten. So wie Kai, der von Beruf Krankenpfleger war, oder gewesen war. Durch das weit geöffnete Fenster hörte man von jenseits des AVK-Geländes den Klang der Stadt, ein unklares Raunen. Und im Vordergrund krähten unbekümmert die Krähen.
Später, als es schon dunkel war, stand uns noch eine unangenehme Auseinandersetzung mit dem Pfleger bevor, der Nachtdienst hatte. Kai bat um Erhöhung seiner Valiumdosis, die er zusammen mit dem Opiat intravenös in sich aufnahm. Der Arzt, der die Dosierung eingestellt hatte, hatte angeordnet, dass die Valium-Dosierung „bei Bedarf“ hochgesetzt werden könne, allerdings ohne präziser zu werden. Und der Nachtpfleger befürchtete nun (wahrscheinlich zu Recht), dass eine Erhöhung des Valium-Anteils bei Kai zu einer Atemdepression führen könne. Doch Kai war das egal, zumal es ohnehin jetzt nur noch um wenige Lebensstunden hin und her ging. Er richtete sich mit letzter Kraft auf und schimpfte: „Das hat man jetzt davon, dass man sich Euch ausgeliefert hat!“ Darauf folgte ein beeindruckender Hustenanfall, in dessen Verlauf er beeindruckend violett anlief.
Der ebenso überforderte wie verlegene Pfleger verließ das Krankenzimmer, um mit seinen Kollegen zu konferieren. Kurz danach kam jemand anders und erhöhte die Dosis, um Kais Erstickungsangst zu ersticken. Und als er ruhiger wurde, immer ruhiger, ganz ruhig, da brauchte er nur noch ganz wenig Sauerstoff, so wenig, wie er atmen konnte mit dem funktionierenden Rest seiner armen Lunge.
Als wieder Ruhe eingekehrt war, versank er in einen Halbschlaf, und ich auch. Die meiste Zeit jedenfalls. Ruhe ist wunderbar. Ruhe und Harmonie ist das schönste auf der Welt. Meine leichte Hand ruhte auf seinem Unterbauch, und mein Atem und ab und zu auch meine Lippen berührten seine entspannte rechte Hand. Ab und zu rutschte ihm das Sauerstoffröhrchen aus der Nase, und sobald ich es merkte, schob ich es wieder hinein.
So ab drei, halb vier Uhr früh begannen draußen im Park die Singvögel ihr verliebtes Konzert. Es wollte ein blauer, sonniger, warmer Tag werden an diesem Montag, dem 30. Mai 1994. Das Fenster stand nun schon seit Tagen weit offen, auch nachts. Der elektronische Tropf befand sich nebenan im Bad, damit man sein Surren nicht so hörte.
Von Zeit zu Zeit aber verstummten die Amseln und die anderen Singvögel, und stattdessen krächzten die Krähen. Dann flogen sie wieder fort, und das zarte, schöne Konzert der Singvögel begann erneut. So ging es einige Zeit hin und her.
Ähnlich hin und her ging es mit Kais Atem. Insgesamt war er anstrengender geworden und verwandelte sich im Lauf der Stunden in eine Schnappatmung mit unterschiedlich langen Pausen zwischen den einzelnen Zügen. Manchmal dauerten diese Pausen gar sekundenlang, was mich regelmäßig aus meinem eigenen Dämmerschlaf hochschrecken ließ:
"Nein, Kai, höre noch nicht auf zu atmen... !"
Doch wenn er dann, nach diesen endlos lang erscheinenden Augenblicken, unter großen Anstrengungen fortfuhr, nach Luft zu schnappen, befiel mich jedes Mal ein schlechtes Gewissen. Denn er hatte mich um ein Versprechen gebeten, das zu halten mir bisher ein ums andere Mal misslungen war: "Wenn es soweit ist, musst Du mich aber gehen lassen, Claus. Denn wenn die Umgebung einen Sterbenden nicht gehen lassen will, dann macht sie ihm das Sterben zur Qual." Diese Beobachtung hatte er in der ambulanten Krankenpflege für Menschen mit Aids gemacht.
"Und weißt Du, die Menschen sterben so unterschiedlich, wie sie gelebt haben. Deshalb haben einige einen schweren Tod und einige einen leichten."
Kai hörte dann so gegen 11 Uhr vormittags auf zu atmen, und sein Tod war wohl eher ein leichter. Als die Luft voller Gesang war und keine Krähe weit und breit, hörte er, erleichtert und ohne zu kämpfen, mit dem schwierigen Atmen auf. Zwar gab es nach etlichen Sekunden noch einen aller-allerletzten Atmungsversuch, aber er erschien mehr als ferngesteuerter körperlicher Reflex, als widerwillige Pflichterfüllung.
Dennoch dauerte es einige Augenblicke, bis ich wirklich die Dimension dessen begriff, was gerade geschehen war. Den qualitativen Sprung. "Ist das möglich? Ist Kai jetzt plötzlich tot?" Seit etwa zehn Tagen war mir ebenso klar gewesen wie ihm selbst, dass wir uns auf diesen Punkt – wirklich Punkt? – zubewegen, auf den Moment, wo er aufhören würde zu atmen.
Aber nun, da der Moment da war, war der Eintritt des Todes doch eigentlich mehr ein langsamer, ruhiger, gleitender Übergang gewesen, kein "Moment", kein "Punkt".
Auch viel weniger spektakulär als erwartet. Ich hatte den Eindruck, sein vorheriges 33jähriges Atmen war zu jeder Zeit viel sensationeller, viel unerhörter als dieses stille Nicht-atmen. Als diese Ruhe inmitten eines Amselkonzerts, am späten Vormittag eines Montags, wo in weiter Ferne, jenseits des Parks, aus irgendeinem Grund ein Autofahrer auf die Hupe drückt.

2 Kommentare:
Ist das traurig... :( Das hast du wunderschön geschrieben. Nun weine ich hier um Kai und kenne ihn nicht einmal. Er lebt in dir weiter, stimmt´s? Man spürt es so sehr.
Michaela
Oh Gott, weinen solltest Du eigentlich nicht deswegen, Michaela. Vor allem, weil das alles mit Kais Tod ja schon so ewig lange her ist, über 14 Jahre lang, unglaublich. Außerdem -- ja, das stimmt, ein Teil von ihm lebt in mir weiter. Ich war eigentlich immer der Miesepetrige, Weinerliche und Unpraktische von uns beiden. Er war der Praktische, der Helle und Bunte, der Lustige. Er war während der Zeit meiner Partnerschaft mein Gegengewicht (oder wie sagt man so schön? "Meine bessere Hälfte"...). Was er an mir gefunden hat, war mir oft nicht klar. Aber ich glaube, auch er hat mich geliebt, weil ich so völlig anders war als er.
Man kann sich also lieben, weil man so unterschiedlich ist. Man kann sich auch lieben, weil man sich so ähnlich ist. Obwohl -- man kann sich natürlich auch hassen, weil man einander so ähnlich ist. Oder weil man, im Gegegenteil, so unterschiedlich von einander. Ich finde das interessant (und mysteriös).
Wie dem auch sei: Kais helle und praktische Seite lebt heute in mir fort. Zumal ich diesen Aspekt ja nicht mehr an ihn "delegieren" kann. Ich bin auch nicht sehr traurig mehr, dass er tot ist, sondern ich freue mich, dass er gelebt hat und dass wir seine sechs letzten Jahre zusammen verbringen konnten. Die Erinnerung an seinen Tod gelangte im Rahmen meines Krankenhausaufenthalts in den Vordergrund, und wohl auch in Zusammenhang mit der Diagnose einer progressiven, oft zum Tod führenden Erkrankung bei mir selbst. Aber insgesamt sind meine Erinnerungen an ihn eher lebendige Erinnerungen, lustige, schöne, positive.
Ich schwöre!
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